"Klaus Dermutz; geboren 1960 in Judenburg (Á–sterreich); studierte Theologie; Soziologie und Philosophie in Graz und Berlin. Doktor der Theologie 1992. Buchveröffentlichungen über die Theaterarbeit von Tadeusz Kantor; Christoph Marthaler; Peter Zadek; Gert Voss und Andrea Breth. Gemeinsam mit dem Burgtheater- Direktor gibt der Autor seit 2001 die 'Edition Burgtheater' heraus. Klaus Dermutz lebt in Berlin.
Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Das neue Haus am Ring – Die Wiedereröffnung „Mit antiösterreichischen Demonstrationen in meiner Geburtsstadt Brünn hatte sie (meine Existenz) begonnen; die Zerreißung Á–sterreichs war ihre Jugend; Á–sterreichs Vergewaltigung und Schádigung die Mitte; Zorn und Qual durch Á–sterreich; Hoffnung auf Á–sterreich und Sehnsucht nach Á–sterreich waren die Emigration; Wiederkehr nach Á–sterreich das Alter gewesen. Alles andere blieb Beiwerk. Beruf; vielleicht sogar Berufung; Abenteuer; Erfolg; versáumte und genützte Möglichkeiten; Enttáuschung; Wirken in Werken – alles Beiwerk. (...) Daher befand ich mich an jenem 15. Mai 1955 im Belvedere unter den Zahllosen; die zu Prinz Eugens Schloss emporschauten. Wieder hatte ich meinen österreichischen Pass in der Tasche; um mich; erforderlichenfalls; vor mir selbst zu legitimieren. Dass es zu diesem Tag kommen würde; dem zehn Jahre vergeblichen; verbissenen politischen Feilschens vorangingen; gehörte zu den Wundern; an die ich glaube.“Ernst Lothar; Das Wunder des Ìberlebens; Erinnerungen und Ergebnisse; 1961 Die Wiedereröffnung des Burgtheaters war ein nationales und internationales Ereignis. Der Tag der Eröffnung war durch die Tradition bestimmt. Denn genau vor 67 Jahren; am 14. Oktober. 1888; war das K. K. Hofburgtheater am Ring eröffnet worden. Nach dem Brand und der Zerstörung am Ende des Zweiten Weltkrieges sehnte man sich den Wiederaufbau herbei und entwickelte eine enorme Bautátigkeit. Um ihn überhaupt realisieren zu können; war man in den Jahren 1945 und 1946 damit bescháftigt; die Ráumungs- und Sanierungsarbeiten voranzutreiben. Im Dezember 1950 entschied sich das Ministerium; das Projekt von Professor Michael Engelhardts zur Ausführung zu bringen; nachdem festgestellt worden war; dass man die Eisenkonstruktionen des Zuschauerraums noch verwenden konnte. Außerdem wurde darauf hingewiesen; dass Vorschláge von Professor Otto Niedermoser bezüglich der Proszeniumslogen eingearbeitet werden sollen. Da zunáchst der Plan bestanden hatte; das Burgtheater erst nach der Staatsoper wieder zu eröffnen; wurde in der Zeit von 1947 bis 1953 nur ein Drittel der Baumaßnahmen in Angriff genommen. Erst als 1953 die Bundestheaterbauten einer gesicherten Finanzierung zugeführt wurden; konnte die gesamte Energie auf den Wiederaufbau gerichtet werden. Ursprünglich war eine Bausumme von 60 Millionen Schilling geplant. Tatsáchlich kostete der Wiederaufbau mehr als die doppelte Summe (ca. 10 Millionen Euro).[...]Genau zehn Jahre; sechs Monate und zwei Tage hat es gedauert; bis der 16 Tonnen schwere eiserne Vorhang sich zum ersten Mal wieder hob. Insgesamt wirkten; wie der Neue Kurier (14. Oktober. 1955) berichtete; 25 Architekten und Künstler und 1200 Arbeiter mit; um den Wiederaufbau des Burgtheaters in die Tat umzusetzen. Bevor 1947 jedoch mit der eigentlichen Arbeit begonnen werden konnte; mussten 160 Eisenbahnwaggons voller Eisenschrott und 720 Waggons mit Bauschutt weggeschafft werden. Die „Bausteine des neuen Burgtheaters“ waren 1;75 Millionen Ziegel; 2600 Tonnen Stahl; 4800 Tonnen Zement und 3200 Kubikmeter Holz. Am 14. Oktober 1955 war die Ringstraße für den Verkehr gesperrt. Nur der Bundesprásident Körner durfte über die Ringstraße zum Burgtheater fahren. Als er seine Loge im ersten Rang rechts – Loge 1 – betrat; erhoben sich alle geladenen Gáste von ihren Sitzen. Die Loge Nummer 2; direkt neben der des Bundesprásidenten; war ursprünglich dem Erzbischof Kardinal Dr. Innitzer reserviert gewesen. Den Platz des verstorbenen Erzbischofs nahm stattdessen der Bischof Dr. Jachym ein. Die hinteren Logen waren den Künstler und Intendanten aus dem Ausland vorbehalten. Auf der Bühne wurde eine Tribüne aufgestellt; auf der alle Mitglieder des Burgtheaters – Schauspieler/innen und Bühnenarbeiter – Platz nahmen.. Die Regierungsvertreter wurden in die beiden Festlogen plaziert. Da die Philharmoniker mehr Platz brauchten; begann der Zuschauerraum erst mit der dritten Reihe. Die vordersten Reihen des Zuschauerraums waren für Persönlichkeiten aus Kunst und Wissenschaft reserviert. Rechts von ihnen nahmen hohe Regierungsbeamte und Wirtschaftsfunktionáre; links davon saßen die Landeshauptleute und Landtagsprásidenten aus allen Bundeslándern ihre Plátze ein. Die vorletzte Parterrereihe wurden den Staatspreistrágern zugewiesen; und im Stehparterre freuten sich je hundert von der Hochschülerschaft ausgesuchte Studenten; dass sie dem Festakt und den beiden Premierentagen beiwohnen konnten. Der erste und zweite Rang war für die Verleger und Journalisten bestimmt. Dem Direktor Adolf Rott war sehr daran gelegen; dass die Eröffnung des Burgtheaters vor der Staatsoper erfolge. Rotts begründete sein Insistieren der Regierung gegenüber damit; dass das Hofburgtheater zu Kaisers Zeiten die größere Bedeutung als die Oper besaß. Rotts Strategie war von Erfolg gekrönt. Die Staatsoper wurde erst zwei Wochen spáter feierlich eröffnet. Nur geladene Gáste konnten dem Staatsakt zur Wiedereröffnung des Burgtheaters am 14. Oktober und dem ersten Abend am folgenden Tag beiwohnen. Hedwig Bleibtreu wurde als áltestes und prominentestes Mitglied am Arm von Direktor Rott und Albin Skoka ins Burgtheater geleitet. Neben der Schauspielerin Bleibtreu nahm Hofrat Otto Tressler als der álteste Burgschauspieler an der feierlichen Eröffnung teil. Vorbei an den „Theaterdienern“; die alte Gala-Uniformen trugen; schritten die geladenen Gáste die Feststiege empor. Otto Tressler war 1896 ans Burgtheater gekommen und sah zur Eröffnung in einem persönlichen Rückblick auf die Veránderungen zurück; die die Welt in den fast 60 Jahren seit seines ersten Engagements genommen hatte: „Mein erstes Auftreten als Sittig in ´Bürgerlich und romantisch` kam; ich gefiel und blieb bis zum heutigen Tage an meinem so sehr geliebten Burgtheater. Es ging auf und ab; nicht nur in meinem künstlerischen Dasein; ich erlebte den Glanz und den Untergang der Monarchie; die großzügige Ìbernahme des ´Hof`-Theaters durch die neue Regierung; ich musste so manchen lieben; geschátzten Kollegen zu seiner letzten Ruhestátte begleiten; ich erlebte 23 Direktoren; spielte fast alle Rollenfácher; feierte diverse Jubiláen und; wenn Gott will; náchstes Jahr; das meiner 60jáhrigen Zugehörigkeit zum Burgtheater. So vieles hat sich gewandelt; aber meine Liebe zu diesem Hause ist stark und groß wie eh.“ (Tageszeitung; 14. Oktober 1955). Fünf Maurer- und Steinmetzmeister hatten vor der Rede des Unterrichtsministers Dr. Drimmel seitlich auf der Bühne Aufstellung genommen. Sie trugen die Tracht ihrer Zunft mit dem Zunftwappen. Einer von ihnen hielt ein Kissen in den Hánden; auf dem der goldene Schlüssel lag; mit dem das Burgtheater eröffnet werden sollte. Der Schlüssel ging von Hand zu Hand. Illig überreichte ihn Drimmel; und der Unterrichtsminister wieder dem Burgtheater-Direktor Adolf Rott; der in den ersten Worten seiner Rede davon sprach; dass er seine Empfindungen nicht in Worte fassen könne: „Es ist unmöglich; Ihnen zu sagen; welche Gedanken und welche Empfindungen durch uns alle hindurch gehen. Worte sind furchtbar arm manchmal; und nie habe ich sie ármer empfunden als an der Státte dieser hohen Sprachkultur. Es gibt eigentlich nur ein Wort; das ich sagen möchte mit dem Herzen und mit der Seele; auch dieses wunderbaren Instrumentes: Dank!“. (Zit. in: Hennings; 1974; 138). Die Wiederöffnung des Burgtheaters wurde von vielen Berichterstattern als ein „Familienfest“ gesehen; mit dem die Wiener „ihr neuestes Burgtheater in altem Gewand“ einweihten. „Unter Fahnen und steinernen Heroen“ wurde die Wiedereröffnung der berühmtesten deutschsprachigen Bühne als ein „Wiedersehen mit der guten alten Zeit“ gefeiert. Der Vergleich mit der ComÁ©die Francaise wurde beschworen; um den Á–sterreicher/innen zu sagen; dass das Burgtheater für jeden deutschsprachigen Europáer das ist; was die ComÁ©die Francaise den Franzosen bedeutet. Und noch eine andere; beide Lánder vereinende Ìberlegung wurde mit Frankreich..."
Thursday, September 13, 2018
[PDF] Download Das Burgtheater: 1955 -2005 Kostenlos
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"Klaus Dermutz; geboren 1960 in Judenburg (Á–sterreich); studierte Theologie; Soziologie und Philosophie in Graz und Berlin. Doktor der Theologie 1992. Buchveröffentlichungen über die Theaterarbeit von Tadeusz Kantor; Christoph Marthaler; Peter Zadek; Gert Voss und Andrea Breth. Gemeinsam mit dem Burgtheater- Direktor gibt der Autor seit 2001 die 'Edition Burgtheater' heraus. Klaus Dermutz lebt in Berlin.
Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Das neue Haus am Ring – Die Wiedereröffnung „Mit antiösterreichischen Demonstrationen in meiner Geburtsstadt Brünn hatte sie (meine Existenz) begonnen; die Zerreißung Á–sterreichs war ihre Jugend; Á–sterreichs Vergewaltigung und Schádigung die Mitte; Zorn und Qual durch Á–sterreich; Hoffnung auf Á–sterreich und Sehnsucht nach Á–sterreich waren die Emigration; Wiederkehr nach Á–sterreich das Alter gewesen. Alles andere blieb Beiwerk. Beruf; vielleicht sogar Berufung; Abenteuer; Erfolg; versáumte und genützte Möglichkeiten; Enttáuschung; Wirken in Werken – alles Beiwerk. (...) Daher befand ich mich an jenem 15. Mai 1955 im Belvedere unter den Zahllosen; die zu Prinz Eugens Schloss emporschauten. Wieder hatte ich meinen österreichischen Pass in der Tasche; um mich; erforderlichenfalls; vor mir selbst zu legitimieren. Dass es zu diesem Tag kommen würde; dem zehn Jahre vergeblichen; verbissenen politischen Feilschens vorangingen; gehörte zu den Wundern; an die ich glaube.“Ernst Lothar; Das Wunder des Ìberlebens; Erinnerungen und Ergebnisse; 1961 Die Wiedereröffnung des Burgtheaters war ein nationales und internationales Ereignis. Der Tag der Eröffnung war durch die Tradition bestimmt. Denn genau vor 67 Jahren; am 14. Oktober. 1888; war das K. K. Hofburgtheater am Ring eröffnet worden. Nach dem Brand und der Zerstörung am Ende des Zweiten Weltkrieges sehnte man sich den Wiederaufbau herbei und entwickelte eine enorme Bautátigkeit. Um ihn überhaupt realisieren zu können; war man in den Jahren 1945 und 1946 damit bescháftigt; die Ráumungs- und Sanierungsarbeiten voranzutreiben. Im Dezember 1950 entschied sich das Ministerium; das Projekt von Professor Michael Engelhardts zur Ausführung zu bringen; nachdem festgestellt worden war; dass man die Eisenkonstruktionen des Zuschauerraums noch verwenden konnte. Außerdem wurde darauf hingewiesen; dass Vorschláge von Professor Otto Niedermoser bezüglich der Proszeniumslogen eingearbeitet werden sollen. Da zunáchst der Plan bestanden hatte; das Burgtheater erst nach der Staatsoper wieder zu eröffnen; wurde in der Zeit von 1947 bis 1953 nur ein Drittel der Baumaßnahmen in Angriff genommen. Erst als 1953 die Bundestheaterbauten einer gesicherten Finanzierung zugeführt wurden; konnte die gesamte Energie auf den Wiederaufbau gerichtet werden. Ursprünglich war eine Bausumme von 60 Millionen Schilling geplant. Tatsáchlich kostete der Wiederaufbau mehr als die doppelte Summe (ca. 10 Millionen Euro).[...]Genau zehn Jahre; sechs Monate und zwei Tage hat es gedauert; bis der 16 Tonnen schwere eiserne Vorhang sich zum ersten Mal wieder hob. Insgesamt wirkten; wie der Neue Kurier (14. Oktober. 1955) berichtete; 25 Architekten und Künstler und 1200 Arbeiter mit; um den Wiederaufbau des Burgtheaters in die Tat umzusetzen. Bevor 1947 jedoch mit der eigentlichen Arbeit begonnen werden konnte; mussten 160 Eisenbahnwaggons voller Eisenschrott und 720 Waggons mit Bauschutt weggeschafft werden. Die „Bausteine des neuen Burgtheaters“ waren 1;75 Millionen Ziegel; 2600 Tonnen Stahl; 4800 Tonnen Zement und 3200 Kubikmeter Holz. Am 14. Oktober 1955 war die Ringstraße für den Verkehr gesperrt. Nur der Bundesprásident Körner durfte über die Ringstraße zum Burgtheater fahren. Als er seine Loge im ersten Rang rechts – Loge 1 – betrat; erhoben sich alle geladenen Gáste von ihren Sitzen. Die Loge Nummer 2; direkt neben der des Bundesprásidenten; war ursprünglich dem Erzbischof Kardinal Dr. Innitzer reserviert gewesen. Den Platz des verstorbenen Erzbischofs nahm stattdessen der Bischof Dr. Jachym ein. Die hinteren Logen waren den Künstler und Intendanten aus dem Ausland vorbehalten. Auf der Bühne wurde eine Tribüne aufgestellt; auf der alle Mitglieder des Burgtheaters – Schauspieler/innen und Bühnenarbeiter – Platz nahmen.. Die Regierungsvertreter wurden in die beiden Festlogen plaziert. Da die Philharmoniker mehr Platz brauchten; begann der Zuschauerraum erst mit der dritten Reihe. Die vordersten Reihen des Zuschauerraums waren für Persönlichkeiten aus Kunst und Wissenschaft reserviert. Rechts von ihnen nahmen hohe Regierungsbeamte und Wirtschaftsfunktionáre; links davon saßen die Landeshauptleute und Landtagsprásidenten aus allen Bundeslándern ihre Plátze ein. Die vorletzte Parterrereihe wurden den Staatspreistrágern zugewiesen; und im Stehparterre freuten sich je hundert von der Hochschülerschaft ausgesuchte Studenten; dass sie dem Festakt und den beiden Premierentagen beiwohnen konnten. Der erste und zweite Rang war für die Verleger und Journalisten bestimmt. Dem Direktor Adolf Rott war sehr daran gelegen; dass die Eröffnung des Burgtheaters vor der Staatsoper erfolge. Rotts begründete sein Insistieren der Regierung gegenüber damit; dass das Hofburgtheater zu Kaisers Zeiten die größere Bedeutung als die Oper besaß. Rotts Strategie war von Erfolg gekrönt. Die Staatsoper wurde erst zwei Wochen spáter feierlich eröffnet. Nur geladene Gáste konnten dem Staatsakt zur Wiedereröffnung des Burgtheaters am 14. Oktober und dem ersten Abend am folgenden Tag beiwohnen. Hedwig Bleibtreu wurde als áltestes und prominentestes Mitglied am Arm von Direktor Rott und Albin Skoka ins Burgtheater geleitet. Neben der Schauspielerin Bleibtreu nahm Hofrat Otto Tressler als der álteste Burgschauspieler an der feierlichen Eröffnung teil. Vorbei an den „Theaterdienern“; die alte Gala-Uniformen trugen; schritten die geladenen Gáste die Feststiege empor. Otto Tressler war 1896 ans Burgtheater gekommen und sah zur Eröffnung in einem persönlichen Rückblick auf die Veránderungen zurück; die die Welt in den fast 60 Jahren seit seines ersten Engagements genommen hatte: „Mein erstes Auftreten als Sittig in ´Bürgerlich und romantisch` kam; ich gefiel und blieb bis zum heutigen Tage an meinem so sehr geliebten Burgtheater. Es ging auf und ab; nicht nur in meinem künstlerischen Dasein; ich erlebte den Glanz und den Untergang der Monarchie; die großzügige Ìbernahme des ´Hof`-Theaters durch die neue Regierung; ich musste so manchen lieben; geschátzten Kollegen zu seiner letzten Ruhestátte begleiten; ich erlebte 23 Direktoren; spielte fast alle Rollenfácher; feierte diverse Jubiláen und; wenn Gott will; náchstes Jahr; das meiner 60jáhrigen Zugehörigkeit zum Burgtheater. So vieles hat sich gewandelt; aber meine Liebe zu diesem Hause ist stark und groß wie eh.“ (Tageszeitung; 14. Oktober 1955). Fünf Maurer- und Steinmetzmeister hatten vor der Rede des Unterrichtsministers Dr. Drimmel seitlich auf der Bühne Aufstellung genommen. Sie trugen die Tracht ihrer Zunft mit dem Zunftwappen. Einer von ihnen hielt ein Kissen in den Hánden; auf dem der goldene Schlüssel lag; mit dem das Burgtheater eröffnet werden sollte. Der Schlüssel ging von Hand zu Hand. Illig überreichte ihn Drimmel; und der Unterrichtsminister wieder dem Burgtheater-Direktor Adolf Rott; der in den ersten Worten seiner Rede davon sprach; dass er seine Empfindungen nicht in Worte fassen könne: „Es ist unmöglich; Ihnen zu sagen; welche Gedanken und welche Empfindungen durch uns alle hindurch gehen. Worte sind furchtbar arm manchmal; und nie habe ich sie ármer empfunden als an der Státte dieser hohen Sprachkultur. Es gibt eigentlich nur ein Wort; das ich sagen möchte mit dem Herzen und mit der Seele; auch dieses wunderbaren Instrumentes: Dank!“. (Zit. in: Hennings; 1974; 138). Die Wiederöffnung des Burgtheaters wurde von vielen Berichterstattern als ein „Familienfest“ gesehen; mit dem die Wiener „ihr neuestes Burgtheater in altem Gewand“ einweihten. „Unter Fahnen und steinernen Heroen“ wurde die Wiedereröffnung der berühmtesten deutschsprachigen Bühne als ein „Wiedersehen mit der guten alten Zeit“ gefeiert. Der Vergleich mit der ComÁ©die Francaise wurde beschworen; um den Á–sterreicher/innen zu sagen; dass das Burgtheater für jeden deutschsprachigen Europáer das ist; was die ComÁ©die Francaise den Franzosen bedeutet. Und noch eine andere; beide Lánder vereinende Ìberlegung wurde mit Frankreich..."
"Klaus Dermutz; geboren 1960 in Judenburg (Á–sterreich); studierte Theologie; Soziologie und Philosophie in Graz und Berlin. Doktor der Theologie 1992. Buchveröffentlichungen über die Theaterarbeit von Tadeusz Kantor; Christoph Marthaler; Peter Zadek; Gert Voss und Andrea Breth. Gemeinsam mit dem Burgtheater- Direktor gibt der Autor seit 2001 die 'Edition Burgtheater' heraus. Klaus Dermutz lebt in Berlin.
Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Das neue Haus am Ring – Die Wiedereröffnung „Mit antiösterreichischen Demonstrationen in meiner Geburtsstadt Brünn hatte sie (meine Existenz) begonnen; die Zerreißung Á–sterreichs war ihre Jugend; Á–sterreichs Vergewaltigung und Schádigung die Mitte; Zorn und Qual durch Á–sterreich; Hoffnung auf Á–sterreich und Sehnsucht nach Á–sterreich waren die Emigration; Wiederkehr nach Á–sterreich das Alter gewesen. Alles andere blieb Beiwerk. Beruf; vielleicht sogar Berufung; Abenteuer; Erfolg; versáumte und genützte Möglichkeiten; Enttáuschung; Wirken in Werken – alles Beiwerk. (...) Daher befand ich mich an jenem 15. Mai 1955 im Belvedere unter den Zahllosen; die zu Prinz Eugens Schloss emporschauten. Wieder hatte ich meinen österreichischen Pass in der Tasche; um mich; erforderlichenfalls; vor mir selbst zu legitimieren. Dass es zu diesem Tag kommen würde; dem zehn Jahre vergeblichen; verbissenen politischen Feilschens vorangingen; gehörte zu den Wundern; an die ich glaube.“Ernst Lothar; Das Wunder des Ìberlebens; Erinnerungen und Ergebnisse; 1961 Die Wiedereröffnung des Burgtheaters war ein nationales und internationales Ereignis. Der Tag der Eröffnung war durch die Tradition bestimmt. Denn genau vor 67 Jahren; am 14. Oktober. 1888; war das K. K. Hofburgtheater am Ring eröffnet worden. Nach dem Brand und der Zerstörung am Ende des Zweiten Weltkrieges sehnte man sich den Wiederaufbau herbei und entwickelte eine enorme Bautátigkeit. Um ihn überhaupt realisieren zu können; war man in den Jahren 1945 und 1946 damit bescháftigt; die Ráumungs- und Sanierungsarbeiten voranzutreiben. Im Dezember 1950 entschied sich das Ministerium; das Projekt von Professor Michael Engelhardts zur Ausführung zu bringen; nachdem festgestellt worden war; dass man die Eisenkonstruktionen des Zuschauerraums noch verwenden konnte. Außerdem wurde darauf hingewiesen; dass Vorschláge von Professor Otto Niedermoser bezüglich der Proszeniumslogen eingearbeitet werden sollen. Da zunáchst der Plan bestanden hatte; das Burgtheater erst nach der Staatsoper wieder zu eröffnen; wurde in der Zeit von 1947 bis 1953 nur ein Drittel der Baumaßnahmen in Angriff genommen. Erst als 1953 die Bundestheaterbauten einer gesicherten Finanzierung zugeführt wurden; konnte die gesamte Energie auf den Wiederaufbau gerichtet werden. Ursprünglich war eine Bausumme von 60 Millionen Schilling geplant. Tatsáchlich kostete der Wiederaufbau mehr als die doppelte Summe (ca. 10 Millionen Euro).[...]Genau zehn Jahre; sechs Monate und zwei Tage hat es gedauert; bis der 16 Tonnen schwere eiserne Vorhang sich zum ersten Mal wieder hob. Insgesamt wirkten; wie der Neue Kurier (14. Oktober. 1955) berichtete; 25 Architekten und Künstler und 1200 Arbeiter mit; um den Wiederaufbau des Burgtheaters in die Tat umzusetzen. Bevor 1947 jedoch mit der eigentlichen Arbeit begonnen werden konnte; mussten 160 Eisenbahnwaggons voller Eisenschrott und 720 Waggons mit Bauschutt weggeschafft werden. Die „Bausteine des neuen Burgtheaters“ waren 1;75 Millionen Ziegel; 2600 Tonnen Stahl; 4800 Tonnen Zement und 3200 Kubikmeter Holz. Am 14. Oktober 1955 war die Ringstraße für den Verkehr gesperrt. Nur der Bundesprásident Körner durfte über die Ringstraße zum Burgtheater fahren. Als er seine Loge im ersten Rang rechts – Loge 1 – betrat; erhoben sich alle geladenen Gáste von ihren Sitzen. Die Loge Nummer 2; direkt neben der des Bundesprásidenten; war ursprünglich dem Erzbischof Kardinal Dr. Innitzer reserviert gewesen. Den Platz des verstorbenen Erzbischofs nahm stattdessen der Bischof Dr. Jachym ein. Die hinteren Logen waren den Künstler und Intendanten aus dem Ausland vorbehalten. Auf der Bühne wurde eine Tribüne aufgestellt; auf der alle Mitglieder des Burgtheaters – Schauspieler/innen und Bühnenarbeiter – Platz nahmen.. Die Regierungsvertreter wurden in die beiden Festlogen plaziert. Da die Philharmoniker mehr Platz brauchten; begann der Zuschauerraum erst mit der dritten Reihe. Die vordersten Reihen des Zuschauerraums waren für Persönlichkeiten aus Kunst und Wissenschaft reserviert. Rechts von ihnen nahmen hohe Regierungsbeamte und Wirtschaftsfunktionáre; links davon saßen die Landeshauptleute und Landtagsprásidenten aus allen Bundeslándern ihre Plátze ein. Die vorletzte Parterrereihe wurden den Staatspreistrágern zugewiesen; und im Stehparterre freuten sich je hundert von der Hochschülerschaft ausgesuchte Studenten; dass sie dem Festakt und den beiden Premierentagen beiwohnen konnten. Der erste und zweite Rang war für die Verleger und Journalisten bestimmt. Dem Direktor Adolf Rott war sehr daran gelegen; dass die Eröffnung des Burgtheaters vor der Staatsoper erfolge. Rotts begründete sein Insistieren der Regierung gegenüber damit; dass das Hofburgtheater zu Kaisers Zeiten die größere Bedeutung als die Oper besaß. Rotts Strategie war von Erfolg gekrönt. Die Staatsoper wurde erst zwei Wochen spáter feierlich eröffnet. Nur geladene Gáste konnten dem Staatsakt zur Wiedereröffnung des Burgtheaters am 14. Oktober und dem ersten Abend am folgenden Tag beiwohnen. Hedwig Bleibtreu wurde als áltestes und prominentestes Mitglied am Arm von Direktor Rott und Albin Skoka ins Burgtheater geleitet. Neben der Schauspielerin Bleibtreu nahm Hofrat Otto Tressler als der álteste Burgschauspieler an der feierlichen Eröffnung teil. Vorbei an den „Theaterdienern“; die alte Gala-Uniformen trugen; schritten die geladenen Gáste die Feststiege empor. Otto Tressler war 1896 ans Burgtheater gekommen und sah zur Eröffnung in einem persönlichen Rückblick auf die Veránderungen zurück; die die Welt in den fast 60 Jahren seit seines ersten Engagements genommen hatte: „Mein erstes Auftreten als Sittig in ´Bürgerlich und romantisch` kam; ich gefiel und blieb bis zum heutigen Tage an meinem so sehr geliebten Burgtheater. Es ging auf und ab; nicht nur in meinem künstlerischen Dasein; ich erlebte den Glanz und den Untergang der Monarchie; die großzügige Ìbernahme des ´Hof`-Theaters durch die neue Regierung; ich musste so manchen lieben; geschátzten Kollegen zu seiner letzten Ruhestátte begleiten; ich erlebte 23 Direktoren; spielte fast alle Rollenfácher; feierte diverse Jubiláen und; wenn Gott will; náchstes Jahr; das meiner 60jáhrigen Zugehörigkeit zum Burgtheater. So vieles hat sich gewandelt; aber meine Liebe zu diesem Hause ist stark und groß wie eh.“ (Tageszeitung; 14. Oktober 1955). Fünf Maurer- und Steinmetzmeister hatten vor der Rede des Unterrichtsministers Dr. Drimmel seitlich auf der Bühne Aufstellung genommen. Sie trugen die Tracht ihrer Zunft mit dem Zunftwappen. Einer von ihnen hielt ein Kissen in den Hánden; auf dem der goldene Schlüssel lag; mit dem das Burgtheater eröffnet werden sollte. Der Schlüssel ging von Hand zu Hand. Illig überreichte ihn Drimmel; und der Unterrichtsminister wieder dem Burgtheater-Direktor Adolf Rott; der in den ersten Worten seiner Rede davon sprach; dass er seine Empfindungen nicht in Worte fassen könne: „Es ist unmöglich; Ihnen zu sagen; welche Gedanken und welche Empfindungen durch uns alle hindurch gehen. Worte sind furchtbar arm manchmal; und nie habe ich sie ármer empfunden als an der Státte dieser hohen Sprachkultur. Es gibt eigentlich nur ein Wort; das ich sagen möchte mit dem Herzen und mit der Seele; auch dieses wunderbaren Instrumentes: Dank!“. (Zit. in: Hennings; 1974; 138). Die Wiederöffnung des Burgtheaters wurde von vielen Berichterstattern als ein „Familienfest“ gesehen; mit dem die Wiener „ihr neuestes Burgtheater in altem Gewand“ einweihten. „Unter Fahnen und steinernen Heroen“ wurde die Wiedereröffnung der berühmtesten deutschsprachigen Bühne als ein „Wiedersehen mit der guten alten Zeit“ gefeiert. Der Vergleich mit der ComÁ©die Francaise wurde beschworen; um den Á–sterreicher/innen zu sagen; dass das Burgtheater für jeden deutschsprachigen Europáer das ist; was die ComÁ©die Francaise den Franzosen bedeutet. Und noch eine andere; beide Lánder vereinende Ìberlegung wurde mit Frankreich..."
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